Gottes Wort verkündigen

„Das Zeugnis von Jesus Christus in die Welt hinauszutragen, ist unsere gemeinsame Aufgabe. Hinsichtlich der Verkündigung von Gottes Wort können wir viel voneinander lernen.“ – Dieses Fazit zog Apostel Wosnitzka im Blick auf die 5. Begegnungstagung zwischen Vertretern der evangelischen Kirchen und der Neuapostolischen Kirche in Mitteldeutschland, die vom 14. bis 15. März 2014 in Herrnhut stattfand.

Unter dem Motto „Gottes Wort verkündigen“ waren 19 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammengekommen, um gegenseitig vorzustellen, wie die Praxis der Vorbereitung und Gestaltung der Predigt in den jeweiligen Kirchen gehandhabt wird.

In der Neuapostolischen Kirche kommen in jedem Gottesdienst in der Regel mehrere Prediger zu Wort. Der Dienstleiter ruft nach seiner Predigt ein bis zwei weitere priesterliche Amtsträger, die die Gedanken seiner Predigt vertiefen und ergänzen und auf diese Weise am Altar mitdienen. Zur Vorbereitung auf die Predigt finden die sog. „Leitgedanken zum Gottesdienst“ Verwendung. In diesem Heft werden für die Gottesdienste der NAK Bibelworte und erklärende Auslegungen vorgestellt, die das Thema für den jeweiligen Gottesdienst bilden sollen. Da die Prediger im Normalfall keine theologische Ausbildung haben, sind ihnen die Leitgedanken eine wichtige Unterstützung in der Predigtvorbereitung. Die Predigten selbst werden frei und ohne Manuskript gesprochen. Eine früher verbreitete Abwertung schriftlich vorbereiteter Predigten wurde von den neuapostolischen Teilnehmern als überholt angesehen, schließlich wirkt der Heilige Geist nicht nur im Gottesdienst, sondern ebenso bei der Vorbereitung einer Predigt. Der große Vorteil dieser Predigtweise besteht in der engen Verbindung zur Gemeindesituation und in der direkten persönlichen Ansprache. Erkauft wird dies mitunter durch etwas geringeren theologischen Tiefgang und die Gefahr, allgemeine Formeln aneinanderzureihen.

In der Evangelischen Kirche ist das Predigen zentrale Aufgabe des Pfarrers bzw. der Pfarrerin, die dafür üblicherweise ein Manuskript erstellen, von dem dann mehr oder weniger frei vorgetragen wird. Diese Methodik begünstigt eine gründliche Beschäftigung mit den theologischen Fragen des Textes. Wo der Prediger allerdings am Manuskript kleben und in akademischer Theologie stecken bleibt, wird viel Möglichkeit zu direkter Kommunikation und persönlicher Ansprache verschenkt.

Evangelische Verkündiger können sich von der neuapostolischen Predigtpraxis anregen lassen, mit mehr Mut die freie Rede im Gottesdienst zu wagen. Neuapostolische Amtsträger können andererseits auch vom evangelischen Predigtverständnis motiviert werden. Sie sollten die bestehenden Ansätze weiter ausbauen, um in ihrer Verkündigung den biblischen Text in seinem Kontext und seinen theologischen Bezügen der Gemeinde zu vermitteln.

Die abschließende Begegnung mit der Herrnhuter Brüdergemeine gab dem Treffen noch einen besonderen Akzent. Die weltweite Missionsarbeit der Herrnhuter Brüdergemeine ist ein gutes Beispiel dafür, wie durch eine unaufdringliche, aber die eigenen Überzeugungen ausstrahlende Verkündigung, die ihrem Gegenüber mit Wertschätzung begegnet, der christliche Glaube wachsen kann.

Die Begegnungstagung ist ein weiterer Baustein in dem Prozess der ökumenischen Annäherung zwischen Evangelischer und Neuapostolischer Kirche, der gemäß Beschluss der ACK in den kommenden drei Jahren vertieft werden soll.

Text: Dr. H. Lamprecht, Fotos: U.S.