Seelsorge im Gespräch

Vom 17. bis 18. April 2015 trafen sich in Schönheide/Erzgebirge Vertreter der Evangelischen Kirche und der Neuapostolischen Kirche in Mitteldeutschland zu einem weiteren Gedankenaustausch. Diesmal standen Fragen zum Thema „Seelsorge“ im Mittelpunkt.

Aufgabe der Seelsorge ist es, die gottgewollte Entwicklung der Seele zu fördern. Sie ist zuerst Glaubenshilfe, die dem Menschen helfen soll, seine Beziehung zu Gott zu pflegen. Daraus entwickelt sich dann natürlich auch die Lebenshilfe zur Bewältigung praktischer Probleme im Alltag. Diese Schwerpunktsetzung markierte Bischof Thomas Matthes von der Neuapostolischen Kirche (NAK)

Seelsorgebesuch

In der Praxis der Neuapostolischen Kirche ist der Seelsorgebesuch von großer Bedeutung. Er wird von den Amtsträgern der NAK bei den Glaubensgeschwistern regelmäßig durchgeführt – früher regelmäßig alle 4-6 Wochen, heutzutage nach Vereinbarung und persönlichem Bedarf der Gemeindeglieder. Üblicherweise wird der Besuch von einem Priester in Begleitung eines Diakons vorgenommen, wobei beide Ämter in der NAK ehrenamtlich tätig sind. Bestandteile dieser Seelsorgebesuche sind das gemeinsame Gebet und das Hören der Amtsträger auf die Sorgen und Nöte der Besuchten.

Im Vergleich zur früheren Praxis sind die Seelsorger gehalten, mit konkreten Ratschlägen zur Lebensgestaltung zurückhaltend umzugehen, denn die Seelsorge kann und soll die Menschen nicht entmündigen, sondern Hilfestellungen bei Lebensentscheidungen geben, die aber von den Betroffenen selbst gefällt werden müssen.

Andere wichtige Bereiche seelsorgerischen Wirkens in der NAK sind die Kinder- und Jugendseelsorge, Seniorenbetreuung, Krankenbesuche und die Begleitung von Trauernden.

Konzepte der Seelsorge

Im Bereich der Evangelischen Kirche haben sich verschiedene Seelsorgekonzepte entwickelt, die nebeneinander anzutreffen sind, wie Pfr. Andreas Pech in seinem Referat darstellte. In der einen Richtung ist die Perspektive auf theologisch-biblische Themen dominant. Sie legt Wert darauf, dass biblische Aussagen und Beispiele in der Seelsorge nicht zu kurz kommen. Dazu gehören verkündigende (kerygmatische) Seelsorge, biblische Seelsorge oder die „Begleitende Seelsorge“. Auf der anderen Seite stehen Seelsorgekonzepte mit stärkerem Gewicht auf theologisch-psychologischen Perspektiven, die sich darum bemühen, dass die christliche Seelsorge auch die Erkenntnisse der aktuellen Humanwissenschaften zum Nutzen der Betroffenen einsetzt und nicht ignoriert. Beispiele sind die „Therapeutische Seelsorge“ oder auch Gesprächs- und psychotherapeutisch orientierte Seelsorge. Anliegen dieser Richtung ist es, dass nicht von oben herab über biblische Prinzipien belehrt wird, sondern dass Empathie und Wertschätzung des Gegenübers das Seelsorgegespräch bestimmen. In der Praxis werden oft hilfreiche Aspekte aus verschiedenen Konzepten miteinander kombiniert.

Begleiten - Verstehen - Unterstützen

Grundprinzip der Seelsorge ist es, den Anderen so gut wie möglich zu verstehen und ihn zu achten. Das schließt nicht aus, dort, wo es erforderlich ist, auch Grenzen zu markieren bzw. die Konsequenzen von Handlungen aufzuzeigen. Viel häufiger ist Seelsorge aber Begleitung im Umgang mit dem eigenen Scheitern. Sie ist auch dann hilfreich, wenn kein konkretes Lösungsangebot für die Probleme präsentiert werden kann. Oft genug führt das Seelsorgegespräch dazu, dass der Andere selbst ihm angemessene Lösungsideen entwickeln kann. Seelsorge bleibt aber auch dort sinnvoll, wo solches nicht geschieht, weil Begleitung und Beistand selbst bereits tröstend und unterstützend wirken. In beiden Kirchen wird Seelsorge nicht nur von Amtsträgern geleistet, sondern jeder Christ kann für einen Anderen zum Seelsorger werden. Allerdings ist dies keine leichte Aufgabe und kann an persönliche Grenzen führen, die respektiert werden sollten. Auch Seelsorger brauchen Seelsorge.

Ausblick und Anregungen

Der Blick über den eigenen konfessionellen Tellerrand kann Inspirationen und Anregungen vermitteln. Von evangelischer Seite wurde mit Anerkennung bestaunt, wie intensiv und flächendeckend der neuapostolische Besuchsdienst organisiert ist. Auf neuapostolischer Seite war demgegenüber das Interesse an einer besseren Ausbildung der in der Seelsorge Tätigen erkennbar. Es ist weiter zu erkunden, wie beide Kirchen von einer stärkeren Zusammenarbeit in diesem Feld profitieren können.

Bereits zum 6. Mal fand eine solche Begegnungstagung zwischen evangelischen und neuapostolischen Christen statt. Begründet wurde diese Dialogreihe im Jahr 2010. Seitdem haben die regelmäßigen Kontakte den ökumenischen Öffnungsprozess der NAK begleitet und unterstützt. Organisiert wird sie vom Evangelischen Bund Sachsen in Zusammenarbeit mit der NAK Mitteldeutschland (Sachsen/Thüringen).

Der Evangelische Bund Sachsen ist das konfessionskundliche Arbeits- und Forschungswerk der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens. Er will die Botschaft der Reformation in den konfessionellen, weltanschaulichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart zur Geltung bringen und dadurch die Ökumene fördern. Dazu vermittelt er Kenntnisse über andere Kirchen, religiöse Gemeinschaften und Bewegungen. Über diese und weitere Begegnungen wird in der Zeitschrift „Confessio“ und auf der Internetseite www.confessio.de regelmäßig berichtet.

Text: Dr. H. Lamprecht, Fotos: U.S.