Apostel Steinbrenner: Wir gehören dazu! (Teil 1)

(14.01.2013) Hamburg. Apostel Jörg Steinbrenner ist als Beauftragter der Neuapostolischen Kirche Norddeutschland für Fragen der Ökumene und des interreligiösen Dialogs benannt. Im Gespräch berichtet er von seinen persönlichen Erfahrungen mit anderen Konfessionen, gibt Einblick in seine Tätigkeit und erklärt die Bedeutung ökumenischer Bestrebungen für die Neuapostolische Kirche.

Jörg Steinbrenner (55) ist seit dem 11. März 2012 als Apostel der Neuapostolischen Kirche tätig. Gemeinsam mit den Aposteln Dieter Böttcher, Uli Falk und Eckehard Krause unterstützt er Bezirksapostel Rüdiger Krause im Bereich Norddeutschland. Apostel Steinbrenner wurde in Hamburg geboren, ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Schenefeld.

Apostel Steinbrenner, Sie gelten für die Aufgabe als Ökumene-Beauftragter der Neuapostolische Kirche Norddeutschland geradezu prädestiniert. Bitte geben Sie einen kurzen Einblick in Ihre persönlichen Erfahrungen, die Sie mit anderen christlichen Konfessionen gemacht haben.

Ob ich prädestiniert bin, muss sich zeigen. Zumindest habe ich ein großes Interesse daran, mich mit anderen Glaubensgemeinschaften zu beschäftigen und Gespräche zu führen. Ich hatte als Jugendlicher schon Gelegenheit gehabt, über den Tellerrand des neuapostolischen Glaubens zu blicken. Einer meiner Lehrer – er war Mormone – hatte zum Beispiel einen Gesprächskreis organisiert, an dem ich neben Schülerinnen und Schülern katholischen und evangelischen Glaubens teilnahm. Dieser Gesprächkreis hat mich also dazu bewogen, mich mit anderen Glaubensgemeinschaften auseinanderzusetzen, sie kennenzulernen und zu schauen: In welchen Punkten sind andere Kirchen mit der Neuapostolischen Kirche vergleichbar? Was ist anders und warum ist das so? Diese Fragen haben mich auch nachhaltig beschäftigt – bis heute.

Was ist gemeint und was ist nicht gemeint, wenn die Neuapostolische Kirche von Ökumene spricht?

Gemeint ist, dass die Neuapostolische Kirche mit anderen Konfessionen enger zusammenrücken möchte, dass sie die Gemeinsamkeiten des christlichen Glaubens betonen will und dass sie gemeinsame christliche Anliegen zu vertreten versucht. Wir halten es für wichtig, der apostolischen Stimme in der Christenheit mehr Gehör als in der Vergangenheit zu verschaffen und die göttliche Sendung des Apostelamtes in gegenwärtiger Zeit zu bezeugen. Nicht gemeint ist natürlich, dass die Neuapostolische Kirche ihr apostolisches Profil aufgeben will. Und ich denke, das gilt vergleichbar auch für andere Gemeinschaften. Jeder hat im Sinne einer versöhnten Verschiedenheit nach wie vor das Bedürfnis, seine Glaubensüberzeugung zu vertreten. Dies sollte in respektvoller Wertschätzung der jeweils anderen Konfession erfolgen.

1999 wurde von Stammapostel Richard Fehr die Projektgruppe Ökumene gegründet. Daraufhin wurden erste Kontakte zu anderen christlichen Kirchen in der Schweiz und in Süddeutschland geknüpft. Seit wann bestehen vergleichbare Kontakte in Norddeutschland und wie ist der Stand heute?

Vergleichbare Kontakte wie in Süddeutschland oder in der Schweiz gibt es in dem Maße in Norddeutschland noch nicht. Das ganze Thema Ökumene läuft hier in Norddeutschland gerade erst systematisch an – seitdem mich Bezirksapostel Krause zum Ökumene-Beauftragten ernannt hat und ich erste entsprechende Kontakte behutsam geknüpft habe. Es begann damit, dass wir zur Amtseinführung der Bischöfin Fehrs im Lübecker Dom eingeladen wurden. In diesem Rahmen haben sich weitere gute Kontakte ergeben. So habe ich auch eine Einladung des Weltanschauungsbeauftragten der evangelischen Landeskirche Oldenburg angenommen. Und demnächst sind Bischof Beutz und ich bei der ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, Anm. d. Red.) in Mecklenburg-Vorpommern. Ja, das sind die ersten zarten Pflanzen eines ökumenischen Dialogs.

Wer unterstützt Sie bei Ihrer Arbeit? Gibt es eine Gruppe Ökumene Norddeutschland?

Nein, eine Gruppe Ökumene gibt es in Norddeutschland nicht, das mache ich alleine. Und im Moment ist auch nicht geplant, das Ganze personell auszubauen. Welchen Umfang dieser Teil meiner Arbeit zukünftig einnimmt, muss sich noch zeigen. Ich bin gespannt, wie die Reaktionen auf den jüngst erschienenen Katechismus der Neuapostolischen Kirche ausfallen werden. Derzeit wird der Katechismus mit einem Gesprächsangebot an alle Bischöfe, Pröpste und an die interessierte Öffentlichkeit im katholischen und evangelischen Bereich verschickt. Wir müssen sehen, wie weit darauf eingegangen wird. Bei all meinen Bemühungen stehe ich im engen Kontakt mit der Arbeitsgruppe „Kontakte zu anderen Konfessionen und Religionen“.

Welche ökumenischen Aktionen mit Beteiligung der Neuapostolischen Kirche haben bisher in Norddeutschland stattgefunden? Welche Projekte sind aktuell in Planung?

Es hat vorallem kleine Aktionen auf örtlicher Ebene gegeben. Sich auf örtlicher Ebene kennen und schätzen zu lernen und Dinge miteinander zu bewegen, ist auch ganz wertvoll. Ich denke dabei zum Beispiel an die Neuapostolische Kirche in Pinneberg, die zusammen mit der evangelischen Kirchengemeinde Appen an einem Erntedankumzug teilgenommen hat, oder an die Neuapostolische Kirche in Bad Oldesloe, wo evangelische Telefonseelsorger eine Andacht erlebt haben – und an viele Aktionen mehr, wo auf örtlicher Ebene Kontakte geknüpft und gepflegt werden. Und schließlich werden wir im Mai 2013 die internationale Arbeitsgruppe unserer Kirche („Kontakte zu anderen Konfessionen und Religionen“, Anm. d. Red.) beim 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg unterstützen, die erstmals offiziell mit einem Stand am "Markt der Möglichkeiten" vertreten sein wird.

Kommen wir kurz auf das Beispiel des Erntedankumzugs zurück, an dem die Neuapostolische Kirche Pinneberg teilnahm: Kann es bei Aktionen wie diesen um mehr gehen als um Steigerung von Bekanntheit und Sympathie? Sehen Sie auf lokaler Ebene auch Chancen der Profilschärfung?

Nein, ich denke bei einem Erntedankumzug kann nicht die Aufgabe sein, das Profil zu schärfen. Es geht auch nicht darum, dass wir für uns Werbung machen. Es geht darum, dass wir sagen: Wir sind Teil des christlichen Spektrums. Wir sind dabei, wir gehören dazu. Wir grenzen nicht aus. Ich möchte dazu noch ein Beispiel nennen. Es gab an einem Ort hier in Norddeutschland viele Jahre lang sogenannte Gebete für die Stadt, wo Gemeinschaften verschiedenster Konfessionen aufgerufen wurden, sich an diesen Gebeten zu beteiligen. Die dortige Gemeinde der Neuapostolischen Kirche hat dies auch getan. Und als die dann dazu in ihre Kirche eingeladen hat, kamen Antworten wie „Das geht nicht, ihr seid doch gar nicht in der ACK“ oder dergleichen. Das fand ich sehr schade für meine Glaubensgeschwister, die doch sehr offen waren und sich gefreut hatten, Teil dieses christlichen Spektrums zu sein – sich in diesem Moment aber ein wenig zurückgewiesen fühlten. Ich denke, so etwas muss nicht sein. Und ich nenne dieses Beispiel, weil ich hoffe, dass die vielen kleinen Aktionen auf lokaler Ebene dazu beitragen, das Ganze unverkrampfter und offener zu sehen.

Warum ist die Neuapostolische Kirche auf Bundesebene weder Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) noch im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK)?

Die Neuapostolische Kirche hat vor vielen Jahren eine Anfrage hinsichtlich der Mitgliedschaft im Ökumenischen Rat der Kirchen negativ beantwortet. Seinerzeit war die Kirche bei diesem Thema sehr zurückhaltend und wollte nicht Richtung Ökumene gehen. Heute sieht man das anders. Die Zeit ist weitergegangen und die Diskussionen sind differenzierter geworden und vor allem bietet unser neuer Katechismus dafür eine hervorragende Basis. Bis zum Erscheinen des Katechismus bereitete die Tatsache, dass unsere Lehre nicht einheitlich verschriftlicht war, häufig Probleme. Nun liegt der Katechismus vor. Die Gespräche laufen auf ACK-Bundesebene.

Ist das, dass man die Neuapostolische Kirche nicht ganz greifen konnte, der alleinige Grund, dass bislang auf Bundesebene keine Mitgliedschaft in der ACK oder ÖRK möglich war?

Nein. Ich denke da an eine gewisse Hürde für viele unserer Gesprächspartner, die ja nicht erst mit dem Katechismus deutlich geworden ist: Dass wir das Apostelamt in besonderer Weise herausstellen und ihm besondere Vollmacht zuordnen, die man an anderer Stelle nicht sieht. Das ist ein Punkt. Dann habe ich in den Diskussionen wahrgenommen, dass man hier und da Mühe mit bestimmten Lehrüberzeugungen hat, zum Beispiel was den Jenseitsglauben der Neuapostolischen Kirche angeht. Ich glaube aber, wenn man das ausgewogen betrachtet und vertieft diskutiert, muss das kein Hinderungsgrund für eine Mitgliedschaft in der ACK oder dem ÖRK sein. Denn wenn ich mir die Statuten der ACK anschaue, dann geht es doch darum, an den dreieinigen Gott zu glauben und Jesus Christus als Herrn und Erlöser zu bekennen und anzunehmen. Das sind Dinge, die die Neuapostolische Kirche tut. Und mit dem Katechismus haben wir ein erweitertes Kirchenverständnis, das sehr umfassend ist und niemanden ausgrenzt. Auf dieser Grundlage können wir in eine neue Phase sinnvoller Gespräche einsteigen.

Die Statuten, die Sie erwähnt haben, sind das Eine. Das Andere sind die grundlegenden Aufgaben, die der ÖRK formuliert hat, nämlich gemeinsames Handeln in der Mission, Einheit in der Verkündigung von Jesus Christus und gemeinsamer Dienst an der Welt. Wie denken Sie über diese Aufgaben? Welche Aufgabe oder Handlungsmaxime hat die Neuapostolische Kirche in punkto Ökumene?

Zunächst: Wenn wir von Mission reden, meinen wir Mission bei solchen Menschen, die dem Christentum überhaupt fern stehen. Insofern muss es gemeinsames Anliegen aller christlichen Kirchen sein, Jesus Christus in dieser Welt groß zu machen, den Glauben an ihn zu stärken und die Menschen an ihn heranzuführen. Das ist unser gemeinsames Anliegen. Man darf aber auch nicht verkennen, dass es unter den ÖRK-Mitgliedern erhebliche Lehrdifferenzen gibt, wodurch ein völlig einheitliches Vorgehen gar nicht denkbar ist. Im Sinne einer versöhnten Verschiedenheit, wie man Ökumene heutzutage auch definiert, kann nicht erwartet werden, dass man unisono eine Auffassung vertritt. Die Unterschiede in der Mission bleiben also genauso deutlich. Und ich denke, damit kann man auch umgehen. Weiter bin ich der Ansicht, dass man sich auch jenseits von dogmatischen Fragen überlegen muss, wo Christen gemeinsame Anliegen haben. Denken wir daran: Christen werden in dieser Welt zunehmend verfolgt. Christen sind teilweise schutzbedürftig. Auch deswegen müssen die verschiedenen christlichen Kirchen zusammenrücken. Ferner gibt es humanitäre und ethische Anliegen, die man gemeinsam voranbringen kann.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) hat eine sogenannte „Kompakt-Info“ zur Neuapostolischen Kirche veröffentlicht. Darin heißt es: „In jüngster Zeit ist erstaunlich viel Bewegung in die Neuapostolische Kirche gekommen. Man überdenkt traditionelle Standpunkte und positioniert sich in vielen theologischen Fragen neu.“ Worauf spielt Ihrer Meinung nach der Autor an? Welche Neupositionierungen in theologischen Fragen können von ökumenischem Interesse für andere christliche Konfessionen sein?

Ich freue mich zunächst, dass die EZW positiv feststellt, dass im ökumenischen Denken der Neuapostolischen Kirche Bewegung ist. Und ich denke, dass hier unter anderem auf unseren weit umfassenden Kirchenbegriff und das veränderte Taufverständnis der Neuapostolischen Kirche angespielt wird, also darauf, dass wir Taufen anderer christlicher Gemeinschaften anerkennen, wenn sie rite vollzogen wurden. Ferner glaube ich, dass zu den wichtigsten Neupositionierungen in theologischen Fragen die Feststellung gehört, dass das ewige Heil des Menschen nicht ausschließlich in der Neuapostolischen Kirche erworben wird.

  

Fortsetzung folgt.

 

Interview: Björn Renz

Fotos: Heino Sartor