Dr. Kiefer: "Ich war schon anderer Meinung als der Stammapostel"

(30.08.2014) Hamburg/Frankfurt. Das kürzlich erschienene Interview mit Dr. Reinhard Kiefer auf nacworld, dem sozialen Netzwerk der Neuapostolischen Kirche, ist auf großes Interesse gestoßen. Hier – mit freundlicher Genehmigung der Portalbetreiber – ein Auszug.

Der studierte Germanist und evangelische Theologe Reinhard Kiefer hat seit 1998 eine Dozentur für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der RWTH Aachen inne und ist seit 2010 Mitglied der theologischen Abteilung des Verlags der Neuapostolischen Kirche International. Zu seinen dortigen Aufgaben gehört die Beratung von Stammapostel Jean-Luc Schneider in seinen theologischen Entscheidungen.

Warum braucht der Stammapostel einen theologischen Berater?

Weil die Ansprüche der Gläubigen und der Welt an den Glauben sich geändert haben. Also früher war Glauben eine Herzensangelegenheit. Dieser Glaube musste nicht unbedingt intellektuell verantwortet werden. Das ist heute anders. Heute wird eben gefragt, wie ist denn das System, das dahinter steckt? Wie kann ich das rechtfertigen, was ich lehre? Wie ist der biblische Zusammenhang oder der allgemein theologische Zusammenhang (…)? Und darum kümmere ich mich dann.

Waren Sie schon einmal anderer Meinung als der Stammapostel? Und wie gehen Sie damit um? Und wie reagiert der Stammapostel?

Ja, ich war schon anderer Meinung als der Stammapostel. Ich gehe sehr entspannt damit um, er auch. Weil: Meinung meint nicht Lehre. Also bis es zu einer Lehrfindung kommt und einem Lehrausdruck, ist der Weg sehr lang. Und auf dem Weg dahin gibt es natürlich unterschiedliche Meinungen, das ist ganz normal.

Steht Ihr Wissen Ihrem Glauben im Weg?

(…) Nein, gar nicht. Sondern ich muss sagen, es vertieft meinen Glauben. (…)

Wie kann theologische Ausbildung in der Neuapostolischen Kirche geleistet werden?

Theologische Ausbildung ist vielleicht etwas hoch gegriffen, die können wir sicherlich nicht leisten, (…) das wäre eine universitäre Angelegenheit. (…) Wir können Grundkenntnisse vermitteln. (…) Aber wir haben natürlich nicht so viele Möglichkeiten, auch die Manpower nicht, um das im wirklich großen Stil zu machen. (…)

Ist Theologie gleichzusetzen mit "Viele Fremdwörter im Gottesdienst"?

Nein! Wenig Fremdwörter im Gottesdienst! Das ist theologisch: Wie bringe ich die Botschaft Jesu, das Evangelium den Menschen nahe? Und dann geht es ja nicht darum, dass ich ein intellektuelles Spiel spiele, sondern dass ich eine Vermittlungsaufgabe habe. Und dass mir auch klar ist, dass diese Vermittlungsaufgabe besteht. Da hilft mir die Theologie. (…) Oder auch die Stimme des Heiligen Geistes besser zu erkennen und sie gut unterscheiden zu können von dem, was ich nur gewöhnt bin, wo ich denke, das sei der Heilige Geist, und ich bin es nur selber.

Die Neuapostolische Kirche stellt bezüglich katholisch-apostolischer Gemeinden (KAG) und auch Allgemeine christlich apostolischer-Mission (AcaM) eher die historischen Zusammenhänge heraus, als dass theologische oder liturgische Elemente übernommen würden. Wären diese Elemente der KAG oder der AcaM eine Bereicherung für die Neuapostolische Kirche? Ist denkbar, da etwas zu übernehmen oder wäre das im Hinblick auf die Ökumene eher hinderlich?

Ich glaube, im Hinblick auf die Ökumene wäre es gar nicht hinderlich. (…) Es gibt ja sehr liturgische Kirchen und weniger liturgische Kirchen. In unserer Geschichte hat sich das Weniger-liturgische herausgebildet. (…) Das ist unsere Tradition, der müssen wir auch gerecht werden. Es kann nicht sein, dass die Geschwister eines Sonntags aufwachen, in die Kirche gehen und den Gottesdienst nicht wieder erkennen, ihn nicht mehr als neuapostolischen erkennen. (…) Ich habe große Sympathien für liturgische Dinge, nur sie müssen sehr mit Augenmaß und im Zusammenhang unserer Geschichte, unserer eigenen Entwicklung gesehen werden. (…)

Inspiration durch andere Kirchen: Gerade charismatische Kirchen haben in den letzten Jahren weltweit Zulauf. Können wir etwas von Ihnen lernen?

Ich denke mir, das Charismatische ist uns auch eingeschrieben. Wir sprechen viel vom Heiligen Geist. Wie sich das auswirkt, ob das in Äußerungsformen dann geschieht, die sehr euphorisch sind, ist eine andere Frage. Ich denke mir, nachahmen kann man das nicht. Das sollte man auch nicht. Man sollte auch nicht etwas tun, was außerhalb des eigenen Wesens und außerhalb der eigenen Tradition liegt. (…) Eine andere Sache ist: Man kann den Heiligen Geist nicht erzwingen. Ich habe ein großes Misstrauen vor Inszenierungen, wo der Heilige Geist sich in bestimmten Äußerungsformen objektiviert. (…)

Ist eine Mitmach-Liturgie denkbar? Eine Abendmahlsfeier, bei der die Hostien von Kindern ausgeteilt werden? Oder Abendmahl mit Brot und Wein?

(…) Ich denke, man könnte sich überlegen, ob es noch mehr Möglichkeiten der Beteiligung von Gemeindemitgliedern gibt, aber sicherlich nicht in dem Sinne, dass wir die Sakramente vom priesterlichen Amt lösen (…) Unser Abendmahlsverständnis ist ja ein sehr steiles, es verbindet uns mit dem Luthertum und Katholiken – und da passt das nicht. Wenn Abendmahl nur Symbol ist, dann ist das überhaupt kein Problem. Das ist in vielen evangelikalen Gruppen so, in freikirchlichen Gemeinden, da ist das Abendmahl eher ein Symbol. Bei uns ist ja die Wirklichkeit Christi, wahrer Leib, wahres Blut, Vergegenwärtigung des Opfers im Heiligen Abendmahl. Da sind (…) bestimmte Sachen einfach nicht möglich; mental schon gar nicht, wenn ich es ernst nehme.

Um Jugendliche für den Gottesdienst zu begeistern, ist Abwechslung in der Musik vielleicht einmal nützlich – auch einmal Rock und Pop?

(…) Ich sehe die Musik nicht als zentrales Momentum. Ich denke mir, dass es wichtig ist, dass Gottesdienste – oder zunächst einmal Predigten – inhaltsreich sind, belangvoll für die betreffenden Altersgruppen; dass sie nicht sehr theoretisch sind, sondern sie in ihrer Lebenswelt abholen. (…) Und wenn dann der Gottesdienst auch entsprechend gestaltet ist, wo mir Sinn deutlich wird, Bedeutsamkeit sich zeigt, dann geh ich da auch hin – gerade als junger Erwachsener (…). Es hängt sicher gar nicht so sehr an der Musik. Es gibt ja auch die Vorstellung der Alterität. Das heißt, das ganz Andere ist das Anziehende. Gar nicht die Popmusik, die haben sie ja immer, sondern eine ganz andere Stillage. Ich denke (…) man muss auch gar nicht besonders jugendlich tun, wenn man nicht jugendlich ist. (…)

Warum begeistert und stärkt nicht jede Predigt gleichermaßen?

Weil sie nicht immer gut ist. (…)

(…) Früher gab es viel mehr Erlebnisberichte, die unmittelbar mit der jenseitigen Welt zusammenhingen. Das hat abgenommen, es ist weniger kommuniziert, vielleicht tatsächlich weniger erlebt. In wie weit spielen solche Erlebnisse heute noch eine Rolle, welche Bedeutung haben sie?

Also man muss zwischen der theologischen Seite der Sache unterscheiden und ihrer existentiellen Verwirklichung. Und wie bei allen Glaubenssätzen gibt es da ja auch eine existentielle Variante oder Valenz. (…) Dass es da Erlebnisse gibt… (…) Ich höre nur immer wieder, dass es da das Gefühl der Nähe gibt oder auch Träume (…). Das ist ja selbstverständlich. Nur im Gegensatz zu früher wird das heute nicht mehr gepredigt. (…) Weil es eben in das Subjektive oder in das Glaubensleben des Einzelnen gehört (…). Man kann über solche Sachen eigentlich nicht predigen. Man kann sie nur bekennen und im kleinen Kreis erzählen. Ich denke mir, wenn wir einen Entschlafenengottesdienst haben oder einen Vorbereitungsgottesdienst, dann müssen wir nicht unserer Erlebnisse in das Zentrum der Sache stellen, sondern den Heilswillen Gottes, der für Lebende und für Tote gleichermaßen gilt. (…) Auf der anderen Seite ist es natürlich gut, wenn das ein Echo im Menschen findet, was da geschieht. Ich habe selber solche Erlebnisse gehabt und möchte nicht auf sie verzichten, aber ich würde nicht darüber predigen. Das fände ich indezent. (…)

Das Wiedersehen geliebter Menschen spielt bei neuapostolischen Christen ja eine wesentliche Rolle. Wird hier unter Umständen zu sehr auf Empfindungen gesetzt? Worauf begründet sich diese Hoffnung?

Die Hoffnung auf das Wiedersehen ist ja im Gedanken der über den Tod hinausreichenden Personalität des Menschen begründet. Der Mensch als Person vergeht nicht. Weil er eben der von Gott Angesprochene ist, er ist immer Gottes Gegenüber. Und unsere Personalität, das was wir sind, gründet ja in diesem Angesprochen-Sein durch Gott. Und dieses Angesprochen-Sein bleibt und deswegen bleibt auch unsere Individualität. Und ich denke mir, Christsein ist eine Sache in Gemeinschaft und auch das Vor-Gott-Sein ist eine Sache in der Gemeinschaft. Da spielt dann dieses Wiedersehen in der Gemeinschaft, in der Gemeinschaft derer, die Gott loben und preisen, doch eine Rolle.

 

Interview (vollständig nachzulesen auf www.nacworld.net): Oliver Rütten, Elke Zillkens

Fotos: Jens Gassmann und Oliver Rütten