Jung im Amt – ein Gespräch über gestrige und heutige Erfahrungen

(04.03.2016) Kiel/Norderstedt. Als Bezirksältester Egon Lindenau (87) in den Ruhestand trat, war Bezirksevangelist Niklas Schwarz (35) noch nicht einmal konfirmiert. Beide wurden ungewöhnlich früh als Bezirksevangelisten ordiniert. Im Gespräch, hier ein Auszug, geben sie Auskunft über die Amtstätigkeit früher und heute.

Wie lassen sich Familie, Beruf und Amtstätigkeit vereinbaren? Wo liegen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten damaliger und heutiger Herausforderungen? Und warum kann es praktisch sein, wenn eine Kirche in der Nähe eines Campingplatzes liegt? Bezirksältester i.R. Lindenau (BÄ Lindenau) und Bezirksevangelist Schwarz (BE Schwarz) gaben zwei Redakteurinnen der Zeitschrift "Unsere Familie" die Antworten.

Bezirksältester Lindenau, wenn jemand täglich einen Gottesdienst halten würde, müsste er dies 17 Jahre lang tun, um die Zahl der Gottesdienste zu erreichen, die Sie in Ihrer Amtszeit durchgeführt haben.

BÄ Lindenau: Ja, als Vorsteher von vier Gemeinden habe ich in einer Gemeinde den Sonntags-Gottesdienst um 8.30 Uhr gefeiert, (...) um 10 Uhr in einer anderen Gemeinde und nachmittags in einer weiteren. Und wenn ich in der Provinz zum Gottesdienst war, machte ich Besuche bei den Amtsträgern oder Kranken. Monatlich habe ich rund 600 Kilometer zurückgelegt – zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Heute ist das etwas anders, Bezirksevangelist Schwarz. In der Regel werden zwei Gottesdienste pro Woche angeboten. Dennoch benötigt das Zeit – Zeit, die der Familie fehlt.

BE Schwarz: Ja, je häufiger das Durchführen von Gottesdiensten, desto größer der Raum, den die Predigtvorbereitung einnimmt. Als ich Bezirksevangelist wurde und seitdem fast jeden Gottesdienst halte, beschäftige ich mich mit der Predigtvorbereitung naturgemäß mehr als zuvor. (...) Aber: Wir fahren gern in unserem Wohnwagen zum Camping. Das tun wir auch an Wochenenden, wenn ich Gottesdienste in Gemeinden durchführe, die in der Nähe eines Campingplatzes sind. (...)

Wobei der Gottesdienst und die Vorbereitung darauf nur ein Aufgabenfeld neben der Seelsorge und der Organisation ist. Wie empfinden Sie die Gewichtung?

BE Schwarz: Ich kann jetzt nicht sagen, wie viele Stunden ich für die verschiedenen Aufgaben tätig bin, die Organisation läuft zum großen Teil nebenbei, nicht selten auch in der Mittagspause: Das Smartphone ist zum Beispiel eine große Hilfe für eine schnelle Terminabstimmung, den Austausch von Informationen und das Ordnen von Daten. (...) Wenn man die Technik vernünftig nutzt und sich nicht davon abhängig macht, kann man viel Zeit sparen.

Da hatten Sie früher eingeschränkte Möglichkeiten, Bezirksältester Lindenau.

BÄ Lindenau: Ja, wir hatten damals noch kein Telefon. So sind meine Frau und ich zum Bahnhof gegangen, damit ich meine Gespräche dort von einer Telefonzelle aus führen konnte. Wenn sie zu lange dauerten, bildete sich vor der Telefonzelle eine Warteschlange, die mich veranlasste, mein Gespräch zu unterbrechen. Meine Frau wartete draußen und stellte sich zwischenzeitlich neu an, damit ich nach einer Wartezeit das Gespräch fortsetzen konnte.

Kleiner Vorteil: Wenn man zuhause war, hatte man Ruhe. Ist man heute immer erreichbar, Bezirksevangelist Schwarz?

BE Schwarz: Theoretisch schon, praktisch sollte man sich nicht zum Sklaven seines Smartphones machen. (...) In wirklich wichtigen Fällen stehe ich sofort zur Verfügung. In allen anderen Fällen muss man aber damit rechnen, dass ich erst bei Gelegenheit reagiere. Auf keinen Fall soll meine Familie den Eindruck bekommen, dass sie nur an zweiter Stelle steht – denn das tut sie nicht.

Und neben der Familie erfordert noch der Beruf volle Zeit und Aufmerksamkeit. Bezirksältester Lindenau, wo kam dann noch die Zeit für die kirchlichen Angelegenheiten her?

BÄ Lindenau: Die Zeit habe ich mir genommen! (...) Das hat trotz der Arbeitszeit von 48 Stunden pro Woche und nur zehn Urlaubstagen pro Jahr wunderbar geklappt. Im Schichtdienst wäre das sicherlich schwieriger gewesen, aber später, als ich stellvertretender Verwaltungsdirektor im Klinikum war, hatte ich mehr Freiheiten.

Welchen Beruf üben Sie aus, Bezirksevangelist Schwarz, und wie kirchen- und familienfreundlich ist er?

BE Schwarz: Ich arbeite als stellvertretender Abteilungsleiter und Entwicklungs-Projektleiter bei einem Elektronikkonzern und habe großes Glück mit meinen Arbeitszeiten, da ich Gleitzeit habe. (...) Dann und wann kann ich freitags für eine Trauerfeier oder für meine Familie früher Feierabend machen. Mittwochs ist die Zeit in meinem Terminkalender ab 16 Uhr geblockt, die nutze ich dann für die Kirche. Ich kann das natürlich nur so machen, weil es mit meinem Arbeitgeber genauso vereinbart ist.

Hat Ihre Tätigkeit für die Kirche Einfluss auf die Wahrnehmung der Kollegen am Arbeitsplatz?

BE Schwarz: Ich teile mein Büro mit einem Kollegen, der Priester in unserer Kirche ist. (...) Darüber hinaus kommt es vor, dass Mitarbeiter mich ansprechen und mir etwas anvertrauen, aber nicht weil sie von mir einen geistlichen Rat erwarten, sondern weil sie einen Zuhörer brauchen. Ich reagiere entsprechend und zeige Verständnis, aber ich führe keine Seelsorgegespräche am Arbeitsplatz. Ich finde es allerdings sehr wichtig, dass man auch im Beruf erkennbar nach dem Prinzip Christi – der Nächstenliebe – handelt.

Bei all der Mehrarbeit: Kann das Amt als Bereicherung empfunden werden?

BÄ Lindenau: Ja, auf alle Fälle. Es ist ein Reichtum, dass man auf besondere Weise in die Gemeinschaft der Glaubensgeschwister eingebunden ist.

Sehen Sie das ähnlich, Bezirksevangelist?

BE Schwarz: Ich unterstreiche das mit einem ganz großen Ja, das ist eine Bereicherung! Natürlich, wenn man es objektiv betrachtet, fehlt Zeit für die Familie, aber man geht anders miteinander um. Wenn man es mit dem Christsein wirklich ernst meint, macht sich das bemerkbar – auch in der Erziehung. Als Amtsträger bereite ich mich auf jeden Gottesdienst intensiv vor. Und das verändert mich selbst, denn ich lese ja nicht nur in der Bibel und vergesse es dann, sondern ich nehme es mit in den Alltag.

 

(Das vollständige Gespräch ist in zwei Folgen in der Zeitschrift "Unsere Familie", in den Ausgaben Nr. 3 und Nr. 4 vom 5. Februar und 20. Februar 2016 erschienen.)

Fotos: privat / Dinara Ganzer