Fortbildung Amtsträger: Im Gespräch mit Jürgen Jegminat (Teil 1)

„Ich schule kirchliche Amtsträger. Dabei lerne ich selbst viel, was ich anwende und bei nächster Gelegenheit weitergebe – ein schöner Kreislauf.“ Hinter dieser Aussage des Plakatmodels für den Monat Juni verbirgt sich Jürgen Jegminat, Leiter der Abteilung Fortbildung für Amtsträger der Neuapostolischen Kirche Nord- und Ostdeutschland. Im ersten Teil des Interviews erzählt er von der Entstehung der Abteilung und von den Herausforderungen seiner Arbeit.

Deinen Arbeitsplatz in dieser Form gibt es noch gar nicht so lange. Kannst du uns berichten, wie du zu deiner Tätigkeit in der Verwaltung gekommen bist?

Seit 2014 arbeite ich für die Verwaltung. Damals kümmerte ich mich um den Verkauf von profanierten Kirchengebäuden. Es kamen mit der Zeit immer mehr Aufgaben dazu wie der Ankauf von Grundstücken, die Immobilien-Vermietung und später auch die Projektleitung für die Einführung von CAFM (Anm. d. R. einheitliches Programm in den Gebietskirchen in Deutschland zur Verwaltung von Kirchenimmobilien). Seit September 2015 arbeite ich Vollzeit für die Kirchenverwaltung.

Und wie bist du zu deiner jetzigen Tätigkeit gekommen?

Zur jetzigen Tätigkeit kam ich über die Arbeitsgruppe Fortbildung Amtsträger: Aufgrund des Bedarfs an Fortbildungsmöglichkeiten für Amtsträger gründete der Bezirksapostel im Jahr 2012 diese Arbeitsgruppe unter der Leitung von Apostel Jörg Steinbrenner, die damals aus ehrenamtlichen Mitgliedern bestand. Im Jahr 2017 ist dann die Entscheidung gefallen, eine eigene Abteilung für diesen Bereich zu bilden. Als Mitglied der Arbeitsgruppe und mittlerweile Mitarbeiter in der Verwaltung, bekam ich die Aufgabe, die Leitung zu übernehmen. Da zur gleichen Zeit Kapazitäten im Immobilienbereich frei wurden, konnte ein großer Teil meiner bisherigen Aufgaben dorthin übertragen werden.

Was hat dich motiviert, diese Aufgabe anzunehmen?

Zunächst ganz persönliche Interessen: Ich liebe es, mit Menschen umzugehen. Dann bin ich auch grundsätzlich offen für neue Herausforderungen, arbeite mich gern in Themen ein, die komplettes Neuland sind, eigne mir neues Wissen an. Und diese ganzen Möglichkeiten sah ich im Bereich Fortbildung Amtsträger erfüllt. Dann habe ich auch das übergeordnete Ziel gesehen: Ich empfinde die Amtsträger-Fortbildung als ein Kernthema unserer Kirche und deswegen lag es mir auch am Herzen, mich hiermit auseinanderzusetzen.

Du kanntest diese Tätigkeit bereits von deiner ehrenamtlichen Mitarbeit. Wurdest du dennoch überrascht oder bist du mit besonderen Herausforderungen in deine neue Tätigkeit gestartet?

Es gab vor allem positive Überraschungen: Die Zusammenarbeit in den Apostelbereichen und Gemeinden war immer unproblematisch. Die Gemeinden haben uns überall unterstützt, wenn wir die Kirchen als Seminarräumlichkeiten nutzten. Und dann auch die Gemeinschaft, die in Gesprächen und Seminaren erlebbar ist - das ist eine wahre Bereicherung.

Was ist so besonders an den Gesprächen?

Der offene und vertraute Umgang miteinander. Man tauscht sich darüber aus, was einen bewegt, erfreut oder belastet, womit man Sorgen hat. Des Weiteren die Bereitschaft zuzuhören und sich gegenseitig zu helfen.

Du hast eben von der Arbeitsgruppe gesprochen, die in der Strategiegruppe deinem Fachbereich zugeteilt ist. Auf welche Art und Weise unterstützt dich diese Arbeitsgruppe auch weiterhin?

Die Aufgabe der Gruppe ist das gemeinsame Erarbeiten von Konzepten, von der Bedarfsermittlung, über die Entscheidung der Umsetzung bis hin zur Festlegung der Rahmenbedingungen und Erarbeitung der Seminarunterlagen. Ein ganz wichtiges Thema ist die Suche nach geeigneten Referentinnen und Referenten. Wir benötigen echte Fachkompetenz, von der wir lernen können – allerdings haben wir nicht das Budget, diese „einzukaufen“. Ich bin unendlich dankbar, dass uns dennoch viele kompetente Glaubensgeschwister unterstützen. Da wir flächendeckend tätig sein wollen, suchen wir in der gesamten Gebietskirche nach weiteren geeigneten Kräften. Die zu finden, ist eine große Herausforderung.

Welche Fachbereiche sind denn da beispielhaft zu nennen?

Grundsätzlich alles, was mit Erwachsenenbildung zu tun hat: Kompetenzen in Menschenführung, Kommunikation, Zeitmanagement, Rhetorik. Das sind alles Themen, die es nicht nur in unserer Kirche gibt, sondern auch in Firmen. Wir haben auch Pädagogen, die in der Lehrerfortbildung tätig sind. Diese helfen uns sehr. Und natürlich unsere Kernbereiche wie Seelsorge, Predigt, Bibelkunde, Glaubenslehre und Theologie. Sehr dankbar sind wir für die tatkräftige und qualifizierte Unterstützung unseres theologischen Fachreferenten Reinhard Kiefer.

Kommen wir zu deiner Aussage, die auf dem Schaukastenplakat zu lesen ist. Du berichtest davon, dass du beim „Schulen“ selbst etwas lernst. Was hast du denn ganz konkret gelernt?

Ich lerne mit jedem Seminar dazu. Was mir aber so richtig bewusst geworden ist, ist der Wert der Seelsorge in unserer Kirche. Es gibt häufig ein differenziertes Verständnis zu den Bedeutungen von Seelsorge und Lebenshilfe, die ja irgendwo ineinandergreifen. Aber wo sind da die Abgrenzungen? Wie kann ich hilfreiche Seelsorge betreiben? Was sollte man machen, was nicht? Dann habe ich viel Neues über die Bibel und Exegese (Anm. d. Red. Bibelauslegung) gelernt. Wenn man sich zum Beispiel das Neue Testament anschaut, könnte man eine Chronologie annehmen, die aber in keinem Fall vorhanden ist, denn z.B. sind die Paulusbriefe vor den Evangelien entstanden. Es lohnt sich auch, etwas über die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe zu wissen, um Aussagen in der Bibel richtig zu interpretieren. Auch ist mir die tiefe Bedeutung unserer Liturgie durch Kenntnis der Hintergründe, der Entstehung und des Sinns bewusst geworden. Das sind nur wenige Beispiele von sehr vielen Dingen, die ich gelernt habe.

Lässt sich das Gelernte dann auch im Alltag anwenden?

Auf jeden Fall - wenn man das Gelernte dann auch verinnerlicht. Ich habe einmal ein Zeitmanagement-Seminar besucht. Eine Zeit lang habe ich das Gelernte angewendet und es hat mir wirklich geholfen, aber in der täglichen Aufgabenbewältigung ist man schnell wieder in sein altes Fahrwasser geraten. Man muss also ständig an sich selbst arbeiten und sich mit den Themen beschäftigen, damit das Gelernte im Alltag seine Wirkung entfalten kann.

Vereinzelt gibt es noch Befürchtungen, dass sich die Neuapostolische Kirche vermehrt an die anderen christlichen Kirchen anpassen möchte und dies auch einen gewissen Identitätsverlust mit sich bringt. Wie begegnest du dieser Sorge?

Zunächst muss man fragen, was denn die „neuapostolische Identität“ ist. Sie bedeutet nicht, dass wir uns nicht weiterbilden oder entwickeln dürfen. Nein, an der Identität, an der Glaubenslehre, am Ziel, an dem Weg dorthin – daran ändert sich gar nichts. Es ist nur der Rahmen, der sich verändert. Aber da muss sich auch etwas tun, denn die Welt verändert sich stetig. Es gibt dieses schöne Bild: Wären Weizenhalme starr und steif, würden sie beim ersten Sturm umknicken und sie wären verloren. Aber sie geben immer in gewisser Weise nach, ohne dass sie ihren Ort, ihren Standpunkt, ihre Wurzeln verändern. Das bewahrt letztendlich die Halme und Früchte. Es geht also nicht um das Anpassen des Anpassens wegen oder um das bloße Überleben einer Institution Kirche, sondern um das Lebendighalten des christlichen Glaubens und der Naherwartung auf die Wiederkunft Jesu.

Was könnten die Gründe sein, warum die Neuapostolische Kirche – im Vergleich zu früher – wesentlich mehr Wert auf die Fortbildung der Amtsträger legt? Du hast zu diesem Thema zwei Zitate mitgebracht.

Ja, das erste Zitat stammt aus den Leitgedanken, Sondernummer 2, 2020. Darin weist unser Stammapostel auf die Notwendigkeit hin, dass ein Amtsträger „seine Gaben und Fähigkeiten weiterentwickelt“ und „sich zur Fortbildung verpflichtet, um die Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben, die für die Ausübung seines Amtes erforderlich sind.“ Die Kirchenleitung sei dafür verantwortlich, dass der Amtsträger in seinem Amt unterwiesen wird.

Und Bischof Johanning (Anm. d. Red. Kirchensprecher der Neuapostolischen Kirche International) beantwortete in einem Interview die Frage, ob eine theologische Schulung der Amtsträger einer geistgewirkten Predigt widerspreche: „Nein, auch die geistgewirkte Predigt basiert auf dem Wissen und der Kenntnis des Amtsträgers über biblische Zusammenhänge, Lehraussagen und Glaubensinhalte. Theologische Schulungen vermitteln Grundlagenwissen und versetzen die Amtsträger damit in die Lage, ihr Wissen zu vertiefen und zu erweitern, was ihnen auch bei der Predigtvorbereitung hilft.“ (Spirit 04, 2018).

Das ist unsere Kirche heute. So handeln wir und deswegen gibt es Fortbildungen für Amtsträger.

Im zweiten Teil des Interviews berichtet Jürgen Jegminat von der Themenvielfalt der Angebote, der Suche nach neuen Themen und weiteren Meilensteinen der Abteilung Fortbildung Amtsträger.

Das Interview führte Jennifer Mischko.

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