Fortbildung Amtsträger: Im Gespräch mit Jürgen Jegminat (Teil 2)

„Ich schule kirchliche Amtsträger. Dabei lerne ich selbst viel, was ich anwende und bei nächster Gelegenheit weitergebe – ein schöner Kreislauf.“ Hinter dieser Aussage des Plakatmodels für den Monat Juni verbirgt sich Jürgen Jegminat, Leiter der Abteilung Fortbildung für Amtsträger der Neuapostolischen Kirche Nord- und Ostdeutschland. Im zweiten Teil des Interviews berichtet er von der Themenvielfalt der Angebote, der Suche nach neuen Themen und weiteren Meilensteinen der Abteilung Fortbildung Amtsträger.

Das Angebot an Seminaren und Fortbildungen wird immer vielfältiger. Warum gibt es diesen zunehmenden Bedarf an Vielfalt und warum gewinnen diese Angebote vermehrt an Bedeutung in der Kirche?

Ich denke, das hat mehrere Gründe. Grundsätzlich scheint die Erwartungshaltung der Gläubigen gestiegen zu sein – durchaus zu Recht: Erwartungen an Umgangsformen, Predigtinhalten und Gottesdienstgestaltung. Zum einen haben wir immer weniger Amtsträger und diejenigen, die „Ja“ zu einem Amt sagen, haben noch viele weitere Aufgaben, ihren Job und die Familie. Auch dort haben sich die Erwartungen verändert. Es stehen wesentlich weniger Zeitressourcen zur Verfügung und diese müssen deshalb umso sinnvoller eingesetzt werden. Zum anderen beteiligen wir uns immer mehr in der Ökumene. Da sind theologische Grundkenntnisse sehr hilfreich oder das Wissen darüber, warum Dinge in unserer Kirche – zum Beispiel die Liturgie, das Abendmahlsverständnis, die Eschatologie – so sind, wie sie sind. Und es macht letztlich auch das Glaubensleben einfacher, wenn ich die Hintergründe verstehe. Genau das wird von Seiten der Kirche nun stärker gefördert als es früher der Fall war.

Wie werden die Angebote denn allgemein angenommen?

Was ich mit großer Dankbarkeit und Demut sagen kann: Alle Seminare sind so gut wie immer ausgebucht, teilweise noch am gleichen Tag der Bekanntgabe. Wir haben kürzlich eine statistische Auswertung über die 45 Webseminare gemacht, die wir seit Anfang der Pandemie anbieten, und festgestellt, dass viele Teilnehmer sogenannte „Stammhörer“ sind. Betrachtet man nun die Gesamtheit der Amtsträger in Nord- und Ostdeutschland, so erreichen wir aktuell gut sieben Prozent. Das könnten in unseren Augen mehr werden. Da nun die Seminare fast immer ausgebucht sind, müssen wir eben mehr anbieten. Aber da sind wir wieder bei dem Punkt der Suche nach weiteren Referentinnen und Referenten. Die brauchen wir, um mehr anbieten zu können.

Was könnten die Gründe sein, dass einige immer wieder dabei sind und andere noch nie eine Veranstaltung besucht haben? Wie könnten denn diese Amtsträger erreicht werden?

Es gibt diejenigen, die sich immer über die aktuellen Angebote informieren, sich um Fortbildung bemühen und schauen, wo sie etwas Neues lernen können. Aber es gibt eben auch einige – die Gründe kenne ich nicht – die das nicht machen. Eine stärkere, verbindliche Motivation der „Führungskräfte“, der Bezirks- und Gemeindevorsteher, könnte hier hilfreich sein. Sie dürfen auch gern mit gutem Beispiel vorangehen.

Den eigenen Bedarf an Schulungen zu erkennen, ist nicht immer einfach. Hast du eine Empfehlung, wie man seinen eigenen Schulungsbedarf erkennen kann?

Grundsätzlich ist es immer hilfreich, wenn man einen Vertrauten in der Gemeinde findet, der von außen auf die eigene Tätigkeit schaut. Als ich die Aufgabe des Gemeindevorstehers in meiner Gemeinde übernommen habe, habe ich jemanden darum gebeten, kritisch darauf zu schauen, was ich mache und wie ich es mache. Dieses Korrektiv war sehr hilfreich für mich persönlich. Und wenn einem etwas bei einem anderen auffällt, dann darf es in diesem Sinne eigentlich kein Tabu für ein ehrliches und wertschätzendes Feedback geben, vorausgesetzt, es besteht eine vertrauensvolle Beziehung. Aber natürlich ist das immer auch ein kritischer Punkt, wenn man jemanden auf "Optimierungsmöglichkeiten" hinweisen möchte: Es gibt Menschen, die sehr dankbar für konstruktive Anregungen sind, während andere sich dadurch vielleicht verletzt fühlen. Dafür muss man ein Feingefühl entwickeln. Am Ende schadet es aber nie, wenn man sich weiterbildet.

Gibt es neue Themen, die in diesem Jahr angegangen werden?

Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Themen. Unsere Referenten zeigen da oft Kreativität und bringen neue Ideen ein. So zum Beispiel unsere Referentin Maraike Finnern. Mit ihr haben wir das Thema „Das Kurzgespräch in der Seelsorge“ begonnen. Dort wird besprochen, wie man mit der Situation umgehen kann, wenn z.B. nach dem Gottesdienst um ein kurzes Seelsorgegespräch gebeten wird. Das Angebot wurde gut angenommen und wir haben es in unser Standard-Repertoire übernommen. Ein weiteres Thema ist die „kollegiale Fallberatung“. Auf Augenhöhe werden Probleme diskutiert und eine Lösung gesucht. Dafür gibt es ein bewährtes Konzept, damit diese Gespräche zielgerichtet sind und man auch mit einem Ergebnis abschließen kann.

Aufgrund der Corona-Pandemie konnten viele Präsenzveranstaltungen im letzten und diesem Jahr nicht stattfinden. Wie geht es damit weiter?

Eine Weiterführung der Präsenzveranstaltungen zum Thema Predigt- und Gottesdienstgestaltung wird im Herbst stattfinden, ebenso mehrere Samstagsseminare und ein Wochenendseminar in Stockholm für die schwedischen Amtsträger. Neu ist das Führungsseminar für Bezirks- und Gemeindevorsteher. Darin geht es unter anderem um die Steigerung der Resilienz, Kommunikation, Möglichkeiten des Zeitmanagements und was Führen im kirchlichen Kontext bedeutet. Eine Führungskompetenz im beruflichen Kontext lässt sich oftmals nicht auf den kirchlichen Bereich übertragen. Das sind neue Themen und es kommen ständig weitere hinzu. Auch die Amtsträger selbst äußern ihre Bedürfnisse und machen Vorschläge, die wir in der Arbeitsgruppe aufnehmen und deren Umsetzung wir diskutieren.

Stichwort Seelsorge: Vor kurzem wurde das Seelsorgehandbuch veröffentlicht. Gibt es nicht bereits zahlreiche Materialien und Unterlagen zu diesem Thema? Was ist das Besondere an diesem Handbuch?

Leider gibt es doch eher wenige Unterlagen zum Thema Seelsorge in der Neuapostolischen Kirche. Seelsorge wird in verschiedenen Konfessionen auch unterschiedlich definiert, sodass die Unterlagen nicht einfach von anderen Autoren übernommen werden können. Heute sind viele Amtsträger mit der Aufgabe als Seelsorger auf sich allein gestellt. Zudem haben sich auch die Probleme der Menschen verändert und es wird mehr über ehemalige Tabuthemen gesprochen. Häufig müssen sich Seelsorger die Frage stellen, wo die Grenze der Seelsorge liegt oder ob für ein Thema ein Arzt, Therapeut oder Psychiater nicht der bessere Ansprechpartner wäre. Das Besondere an diesem Seelsorgehandbuch ist, dass es ein umfassendes Kompendium vielfältiger Seelsorgethemen ist. Es ist ein Nachschlagewerk, sodass man in konkreten Fällen Hinweise und Tipps aus der Praxis erhalten kann. Natürlich glauben wir, dass Gott uns in gewissen Situationen auch die richtigen Gedanken schenkt. Eine Vorbereitung kann dann aber zusätzlich Sicherheit und Gewissheit schenken. Ich bin dankbar, dass sich unser Autor Bischof Arvid Beckmann dazu bereiterklärt hat, die Texte der Erstausgabe von 2013 auf einen aktuellen Stand zu bringen und neue Themen u.a. mit fachlicher Beratung durch eine Psychotherapeutin hinzuzufügen. Ergänzend zu diesem Handbuch kann ich aber auch den Kalender „Unsere Familie“ 2021 des Bischoff Verlags empfehlen, welcher das Thema Seelsorge als Schwerpunkt behandelt: Der Stammapostel, einige Bezirksapostel und Apostel geben Impulse und teilen ihre Erfahrungen.

Gibt es noch weitere Möglichkeiten, neben diesem Handbuch, wie Kirche die Arbeit der Seelsorger unterstützen könnte? Wäre beispielsweise eine Art Supervision denkbar?

Das Thema Supervision wurde in einem Apostelbereich bereits erprobt und die Resonanz war positiv. Supervision kann aber auch bedeuten, sich beobachtet oder bewertet zu fühlen. Man ist dann vielleicht gehemmt und so wird das Thema oft auch sehr verhalten gesehen. Daher setzen wir eher auf die kollegiale Fallberatung.

Viele Angebote der Abteilung richten sich ausschließlich an Amtsträger, wobei diese Angebote durchaus auch für Lehrkräfte interessant sein könnten. Könnte der Teilnehmerkreis nicht erweitert werden?

Viele, die nicht zum Kreis der Amtsträger gehören, würden gern die Angebote wahrnehmen. Nun haben wir als Abteilung oder auch als Arbeitsgruppe Fortbildung Amtsträger den Auftrag, Amtsträger zu schulen und aus Kapazitätsgründen müssen wir Prioritäten setzen. Wenn Seminarplätze frei bleiben sollten, dann sind andere Funktionsträger der Kirche natürlich herzlich willkommen. Es gibt aber auch bereits andere Gruppen, die für Lehrkräfte oder Jugendbeauftragte Angebote entwickeln.

Gibt es für die nächsten fünf Jahre bestimmte Meilensteine oder Ziele, die ihr euch gesetzt habt?

Ja, wir möchten mehr Amtsträger erreichen und noch mehr Interesse für die Seminare wecken. Dann wollen wir weiterhin unsere Angebote und Themen erweitern und sind dafür ständig auf der Suche nach neuen Ideen und Unterstützung. Meine Vision wäre es, dass wir flächendeckend ein breit gefächertes Themenangebot mit kompetenten Referentinnen und Referenten anbieten und sich die Seminarteilnahme noch spürbarer und nachhaltig positiv in der täglichen Arbeit der Amtsträger auswirkt. Letztendlich sind es unsere Geschwister, die davon profitieren sollen.

Im ersten Teil des Interviews berichtet Jürgen Jegminat von der der Entstehung der Abteilung Fortbildung Amtsträger und von den Herausforderungen seiner Arbeit.

Das Interview führte Jennifer Mischko.

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