„Selig sind, die da geistlich arm sind;
denn ihrer ist das Himmelreich.“
Matthäus 5,3

Liebe Leserinnen und Leser,

wir beschäftigen uns in den Beiträgen für unsere Gemeindebriefe 2022 mit den Seligpreisungen Jesu. Heute sind wir eingeladen, über die erste nachzudenken: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ (Matthäus 5,3)

Die besondere Zuwendung Gottes zu den Armen zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel: „Wenn ihr aber euer Land einbringt, sollt ihr nicht alles bis an die Ecken des Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten, sondern sollt es den Armen und Fremdlingen lassen.“ (3.Mose 23,22) Oder: „Darum gebiete ich dir (…), dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande.“ (5.Mose 15,11). Gott „steht dem Armen zur Rechten, dass er ihm helfe.“ (Psalm 109,31). Gott erklärt sich mit den Armen und Bedrückten solidarisch: „Ich weiß, dass der Herr des Elenden Sache führen und den Armen Recht schaffen wird.“ (Psalm 140,13). Die Armen bekommen köstliche Verheißungen: „Die Geringen werden auf meiner Aue weiden und die Armen sicher ruhen.“ (Jesaja 14,30). All dies findet in der Bergpredigt höchste Bestätigung: „Selig seid ihr Armen“ (Lukas 6,20a). Jesus ist den Elenden, Schuldbeladenen, Vereinsamten, unheilbar Kranken, Zersorgten und von Angst Getriebenen nahe. Er zieht sich nicht zurück, sondern kommt in die Elendsquartiere. Jesus reckt den Elenden die Hand im Leid entgegen und ist mitten unter ihnen. Dies ist Trost sowie Vorbild und Aufforderung, Herz und Hand für die Armen zu öffnen.

Materielle Armut ist allerdings keine Garantie für das Heil. Jesus fordert von uns keine materielle Armut. Für ihn ist Reichtum an sich nicht verwerflich. Dennoch hat der Reiche soziale Verantwortung gegenüber den Armen. Und Reichtum darf nicht alles sein. Das Leben wäre „arm“, konzentrierte es sich nur auf Reichtum und die Sorge darum.

Die Seligpreisung greift noch tiefer. Selig gepriesen werden hier die „geistlich“ Armen. Gemeint ist damit zunächst dies: Kehre doch ab von Egoismus, Stolz, Hochmut und Überheblichkeit. Verzichte auf alles, was von Gott trennt. Vertraue auch nicht so sehr auf deine Abstammung, Herkunft, gesellschaftliche Stellung, natürlichen Kräfte, dein Wissen, deine Gesundheit, soziale Stellung, erworbene Position, Ausbildung, dein Geld, deine Gaben, deine Ausstrahlung, Intelligenz oder dein gutes Benehmen. Für all dies darfst du dankbar sein. Doch wisse, dass du all dies als Geschenk und Leihgabe aus den Händen Gottes empfangen hast.

Der geistlich Arme nimmt seine eigene Begrenztheit an. Er weiß, dass er nicht alles verstehen und beherrschen muss, sondern ruhig und gelassen bleiben darf. Er vertraut darauf, dass Gott alles versteht und trägt. Der geistlich Arme  nimmt seine eigene Hilfsbedürftigkeit an. Er weiß, dass er sich den Himmel nicht durch seine Leistung verdienen kann. Sondern er setzt seine Hoffnung auf Gottes Gnade. Er kommt mit leeren Händen und lässt sie von Gottes Güte füllen.

Nachdem der Mensch, Adam, in Sünde gefallen war, schämte er sich seiner Nacktheit, verhüllte und versteckte sich. Dies ist die Situation des Menschen: Er läuft vor dem Gefühl seiner Armseligkeit davon. Er schämt sich für seine Mängel. Und dies hat zur Folge, dass er sich selbst ablehnt und den Nächsten verfolgt, verurteilt und erniedrigt. Der Mensch beginnt, zu lügen und Masken aufzusetzen.

Als „geistlich Armer“ darfst du hingegen erahnen, dass du nackt und bloß vor Gott stehen darfst. Er weiß alles. Doch durchleuchtet er dich nicht mit kalten Röntgenaugen. Vielmehr sind es Augen der Liebe. Du darfst einfach da sein, so wie dich Gottes Hände geformt haben. Du darfst dich mit all deinen Grenzen annehmen. Du brauchst keine Masken mehr aufzusetzen. Du musst dich nicht größer darstellen, als du eigentlich bist. Du darfst zu dir finden, denn du spürst, dass da im Glauben an Jesus Christus Zuwendung und Gnade ist. Du brauchst dich in all deiner „Armut“ vor Gott nicht mehr zu verstecken. Er liebt dich.

Und so ruft Jesus dich zurück ins Paradies, ins „Himmelreich“. Schon jetzt. Im Alltag, im Gebet, im Gottesdienst. Und bei seiner Wiederkunft wird es offen sichtbar werden: Du darfst nackt sein. „Arm“ und darin „reich“. Ohne Angst und Scham glückselig in Ewigkeit.

Mit herzlichen Grüßen

Euer Helge Mutschler

Die Seligpreisungen des Matthäusevangeliums stehen im Mittelpunkt des neuen Pop-Oratoriums #HIMMELREICH der Gebietskirche Nord- und Ostdeutschland.mWeitere Informationen zum Pop-Oratorium unter: www.pop-oratorium.de