Podiumsdiskussion über Homosexualität und Religion

(20.07.2012) Rostock. Im Rahmen der Hansegay Kulturwoche hatte die Evangelisch-Lutherische Kirche am 17. Juli 2012 Vertreter unterschiedlicher Religionen zu einer Podiumsdiskussion in die Galerie Arppe eingeladen. Zum Thema „Homosexualität und Religion – ein schwieriges Verhältnis?“ sprach Landesrabbiner Dr. William Wolff für die Juden, Pastor Dr. Reinhard Scholl für die Evangelische Kirche und Bischof Thorsten Beutz für die Neuapostolische Kirche.

Kurz vor 19 Uhr verlegte Initiator und Moderator Holger Arppe die Podiumsdiskussion in einen größeren Saal – der ursprünglich vorgesehene Raum war für die rund 70 Zuhörer zu klein. Entsprechend zufrieden zeigte sich der Initiator bereits zu Beginn: „Mit der Themenwahl haben wir offensichtlich den Nerv getroffen.“ Diese Vermutung bestätigte sich im Verlauf des Abends, der zum einen von einem regen, fragenden Publikum geprägt war, zum anderen von ähnlichen bis gleichen Ansichten der Geistlichen.

Zum Auftakt der Abendveranstaltung brachte Bischof Beutz das Publikum mit einem Kurzvortrag über die Neuapostolische Kirche auf einen einheitlichen Wissensstand und ermöglichte somit eine fundierte Gesprächs- und Diskussionsbasis. Themen seines Vortrags waren die Geschichte, der Glaube, die Sakramente, das Apostelamt, die geistliche und organisatorische Struktur sowie die Vision und Mission der Neuapostolischen Kirche.

Bestätigung statt Widerspruch

Die kontroverse Diskussion, die sich Moderator Holger Arppe erhofft hatte, blieb aus. Überrascht zeigte sich das Publikum, das die Geistlichen als eine Einheit erlebte, die die Gemeinsamkeiten ihrer Positionen betonte und die Unterschiede weitestgehend unausgesprochen ließ. Vor allem Landesrabbiner Wolff und Pastor Scholl bekräftigten gegenseitig ihre Stellungnahmen und ergänzten die Aussagen des anderen.

Nicht austauschbar hingegen war der Einblick in die familiären Erfahrungen, von denen Bischof Beutz berichtete. Vom Verhalten gegenüber homosexuellen Familienmitgliedern schlug er die Brücke zum Verhalten gegenüber homosexuellen Gemeindemitgliedern: „Wie in einer Familie, so geht es auch in der Gemeinde darum, dass sich jedes Mitglied in seinen ureigenen Befindlichkeiten, Sorgen und Nöten uneingeschränkt wohlfühlen kann. Das erreichen wir, indem wir das Individuum in den Mittelpunkt stellen – und damit die einzelne Seele.“

Mit diesem Gedanken hatte Bischof Beutz stellvertretend für die Neuapostolische Kirche einen Kernpunkt formuliert, der ohne Widerspruch blieb und ein Ergebnis des Abends darstellte. So zeigten sich einige Zuhörer auch nach der Veranstaltung, die gegen 21.30 Uhr endete, an einem persönlichen Gespräch mit dem Bischof interessiert. „Die Rückmeldungen waren durchweg positiv“, resümierte Bischof Beutz. „Ein Zuhörer meinte, dass er sein Gesamtbild über die Neuapostolische Kirche nun revidiert habe und ihm die Einstellung der Kirche zur Homosexualität im Allgemeinen und zum Umgang mit homosexuellen Glaubensgeschwistern im Speziellen gefallen würde.“

Homosexualität in der Neuapostolischen Kirche

Stammapostel Wilhelm Leber, geistliches Oberhaupt der Neuapostolischen Kirche, äußerte sich zum Thema Homosexualität und Religion unter anderem in einem Interview in der Zeitschrift „Unsere Familie“ (Ausgabe 23, Dezember 2006): „Ich bin überzeugt davon, dass kein Homosexueller grundsätzlich von der Möglichkeit ausgeschlossen ist, das Glaubensziel erreichen zu können.“ Auch dass „die sexuelle Veranlagung für die seelsorgerische Betreuung der Glaubensgeschwister keine Bedeutung hat“, ist offizielle Meinung der Kirchenleitung und auf www.nak.org nachzulesen. 

Eng mit der Kirchenleitung arbeitet die Regenbogen-NAK zusammen, die mit André Weiß einen Vertreter ihrer Ansichten im Rostocker Publikum hatte. Die Regenbogen-NAK ist eine Interessengemeinschaft homo-, bi- und transsexueller Christen innerhalb der Neuapostolischen Kirche. Sie setzt sich unter anderem dafür ein, dass Homosexuelle ihren Glauben als vollwertige Gemeindemitglieder leben können – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder ihrem geschlechtlichen Zugehörigkeitsgefühl. Ganz konkret arbeitet die Regenbogen-NAK gegenwärtig mit der Neuapostolischen Kirche Schweiz an einem Konzept für individuelle Seelsorge für homo-, bi- und transsexuelle Geschwister, sowie deren Angehörige. Dabei geht es im Wesentlichen um die Betreuung in der Coming-Out-Phase und um die Förderung von Integration und Akzeptanz in der Gemeinde.

Text & Fotos: Björn Renz